Vor einigen Tagen hatte ich bereits das Thema BP angeschnitten. Michael R. Krätke hat nun in einem aufschlussreichen Text deutlich gemacht, was alles an BPs Zukunft hängt – u.a. das britische Rentensystem. Bei diesem spielen Pensionsfonds eine Schlüsselrolle und halten eine Unmengen an BP-Aktien. Zirka ein Sechstel aller in Großbritannien ausgezahlten Dividenden gingen bisher auf BP zurück. Mit diesem Geldsegen ist nun wohl Schluss. Dumm gelaufen für diejenigen, die sich auf das Leben nach der Lohnarbeit gefreut haben. 1 Gleichzeitig ist der Ölkonzern der größte Steuerzahler. Eine mögliche Pleite oder die Übernahme durch andere Konzerne betrifft demnach unmittelbar die politischen Interessen des Königreichs. Ausgerechnet jetzt hat Großbritannien Stress mit dem großen Bruder USA. Der Umweltkatastrophe und der Krise des Öl-Konzerns BP könnte nun auch noch eine politische Krise folgen. Krätke:
»Fällt BP den US-Giganten in die Hände, ist es vorbei mit Rücksichten auf Pensionsfonds oder sonstige britische Belange. In wenigen Tagen, am 27. Juli, muss BP mit den Zahlen für das zweite Quartal 2010 herausrücken. Sie werden verheerend sein. Der Fall zeigt, wie zwei völlig obsolete Kernelemente des heutigen Kapitalismus – eine fossile Energiewirtschaft und die weltweite Finanzspekulation – uns in die nächste Katastrophe treiben.«
Was Krätke ausspart ist die zunehmende Konkurrenz zwischen den Staaten, die bereits zwischen den USA und Deutschland als Wortführer der EU offen zu Tage liegt. Und: Wenn die Kernelemente des Kapitalismus obsolet sind, dann gehört er doch eigentlich gleich ganz ins Museum, oder?
Anmerkung:
- Sollte der Staat einspringen, die Renten zu sichern, wird aus dem kapitalgedeckten System de facto ein umlagefinanziertes mit Steuergeldern. Einen Punkt, den Ulrike Herrmann bereits in der taz anhand der Riester-Rente deutlich gemacht hatte. ↩
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Ein Kommentar
Michael Krätke bietet hier nicht nur eine wie unter vielen nicht zu Ende gedachte Hypostasierung des “Finanzmarktkapitalismus” an, sodnern wurde auf jener RLS-Veranstaltung auch durch mehrfache mindestens eigentümliche Äußerungen auffällig. Zunächst war da eine argumentlose Herabsetzung von Zizek und Badiou, welche parallel zur Konf. “Sozialistische Politik im Finanzmarktkapitalismus” in der Volksbühne stattfand (es wurde von dir darüber berichtet) und Badiou als nicht ernst zu nehmenen Alt-Maoisten denunzierte. Immerhin sorgte das unter Kollegen für Widerspruch.
Das von ihm vorgestellte Sozialismus-Konzept (das ganz klar systemtheoretische, kybernetische und alles in allem ziemlich autoritäre Züge trug), fügte sich auch wunderbar in den Ethos der Konf., wonach common sense war, dass “die Menschen Regeln wollen und brauchen”. Hier liegt wohl auch die Springquelle für Alex Demirovics Kritik am Staatskonzept in der Linken, auf das in einem der letzten Posts hier hingewiesen wurde (wenn auch in etwas unbegründet ernüchtender Weise, wie ich finde, aber dsa ist eine andere Frage). Das kam aber gut an, was sicher a) am nicht konsequent durchdachten Parteiprogramm, aber auch b) an der Sozialstruktur der Mitglieder lag, die allesamt kein Problem mit autoritären Sozialismuskonzepten haben, in den “Vater Staat” die Rute zugunsten der assozierten Arbeiter schwingt. Hier dürfte auch der tiefe intelligible Konnex zwischen “Links-Keynesianismus”, Gewerkschafts/arbeitertümelei und Patriarchat liegen, was auf jeden Fall dort zu dominieren schien.
Sicher hat das nix mit BP und dem bloßen Sachverhalt des Rentenfonds zu tun, verweist aber erneut auf den Theodizee-Effekt mancher Theoretiker, dem eine tiefe biografisch-theoretische Homologie innewohnt.