In den letzten Wochen wurde viel über die Besonderheiten der französischen Protestkultur berichtet. Unmut und Protest äußert sich relativ radikal und eruptiv. Statt gemeinsam mit dem Kapital über die eigene Ausbeutung zu weinen, wird schon auch mal das eigene Werk abgefackelt oder mit Sprengung gedroht (Moulinex). In letzter Zeit war besonders das Festsetzen von Managern und Unternehmensführung beliebt. Eine neue Studie zeigt jedoch noch ganz andere Seiten: In keinem Land der OECD wird so viel Zeit für Essen (durchschnittlich zwei Stunden) und Schlafen (durchschnittlich neun Stunden) aufgewendet wie in Frankreich. Mit einem kaum erstaunlichen Ergebnis: In Frankreich lebt man länger. Ob da ein Zusammenhang besteht?
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Ein Kommentar
Vor allem lebt man besser! Das ist zumindest mein Eindruck. Vieles ist gleich und doch subtil anders. Hektik ist hier in Paris natürlich ebenso vorhanden wie in Berlin, aber nicht mit dieser versteckten Aggression verbunden. In der U-Bahn hat man keine Angst, gleich weggestupst zu werden, obwohl sie voller und enger ist als die Berliner. Bullen und Überwachungskameras sind allgegenwärtig, aber deshalb kuschen die Leute noch lange nicht! (Während es mir in Deutschland so vorkommt, als fühlten sich schon alle beobachtet und verhielten sich entsprechend, aber vielleicht ist das meine eigene Paranoia.) Politische Diskussionen hört man hier jeden Tag in Cafés, in Deutschland habe ich kaum je eine rein zufällig mitgehört, es geht immer nur um Möglichkeiten-abgreifen … wie passe ich mich noch besser an ….
In Berlin scheinen mir alle (auch die Linken und auch ich selbst) unter dem “kapitalistischen Imperativ” (Tu was … egal was! Stell was auf die Beine, zieh was auf usw.) zu stehen. Selbst die Freizeit wird durchgeplant. In Frankreich wird zwar auch viel gearbeitet, aber die Prioritäten sind doch etwas anders, Essen und Zusammensein haben einen anderen Stellenwert.
Es ist ein Klischee, aber ein treffendes: Franzosen wissen, wie man gut lebt, das kann ihnen selbst der sturste Kapitalismus nicht austreiben! In diesem Zusammenhang würde ich auch spontane Wutausbrüche und Protestaktionen sehen: Wenn man die Schnauze voll hat, dann kann’s hier auch mal eins auf Dach geben für die Mächtigen. Das haben die Deutschen ja nie geschafft.